Madeira Geschichte: Von Heinrich dem Seefahrer bis zur Autonomie

Heinrich Den Seefahrer
Gemälde von Nuno Gonçalves (um 1470), das möglicherweise Heinrich den Seefahrer darstellt

Als die Portugiesen 1419 in die Bucht von Machico einliefen, fanden sie eine Insel ohne Menschen. Keine Dörfer, keine Ruinen, nur dichter Wald bis hinunter ans Wasser. Sie nannten sie nach dem, was sie vor sich hatten: Madeira, das portugiesische Wort für Holz. Achtzig Jahre später rauchten an der Südküste die Öfen der Zuckermühlen, und vom Wald dort war nicht mehr viel übrig.

Die Geschichte Madeiras ist kurz, gemessen an Europa. Sie beginnt erst im 15. Jahrhundert. Dafür steckt in diesen sechshundert Jahren erstaunlich viel Weltgeschichte: Entdeckerfahrten, Zuckerboom, Sklavenarbeit, englische Weinhändler, ein verbannter Kaiser und eine Autonomie, die 2026 ihren 50. Geburtstag feiert.

Kannten die Römer Madeira schon?

Vermutlich nicht, auch wenn man das oft liest. Plinius der Ältere beschreibt in seiner Naturalis historia die sogenannten Purpurinseln (Purpurariae) vor der afrikanischen Küste, auf denen König Juba II. von Mauretanien Purpur gewinnen ließ. Einige Autoren haben darin Madeira und Porto Santo gesehen. Die Forschung denkt heute eher an die Insel Mogador vor Essaouira in Marokko. Belegt ist dagegen, dass Inseln in dieser Lage schon im 14. Jahrhundert auf europäischen Seekarten auftauchen, etwa ab 1339.

Dazu kommt eine Legende: Der Engländer Robert Machim soll im 14. Jahrhundert mit seiner Geliebten auf der Flucht vor deren Familie an der Ostküste gestrandet und dort gestorben sein. Der Ort Machico trage seinen Namen. Hübsch erzählt, historisch nicht belegt.

1418 und 1419: ein Sturm, ein Hafen, eine dunkle Wolke

Die offizielle Geschichte beginnt mit einem Unglück, das gut ausging. 1418 trieb ein Sturm die Kapitäne João Gonçalves Zarco und Tristão Vaz Teixeira von ihrer Route entlang der afrikanischen Küste ab. Sie fanden Schutz in der Bucht einer kleinen Insel und tauften sie aus Dankbarkeit Porto Santo, heiliger Hafen.

Ein Jahr später kamen sie zurück, diesmal mit Bartolomeu Perestrelo. Von Porto Santo aus sahen sie im Südwesten eine Wolkenbank, die sich nicht auflöste. Darunter lag die viel größere Hauptinsel. Ob die erste Landung 1419 oder 1420 stattfand, darüber sind sich die Quellen nicht ganz einig. Madeira selbst hat sich festgelegt: Der 1. Juli ist als Dia da Madeira der regionale Feiertag zur Entdeckung.

Heinrich der Seefahrer: Auftraggeber, kein Kapitän

Der Beiname führt in die Irre. Infante Dom Henrique (1394 bis 1460), Sohn von König João I., ist selbst kaum zur See gefahren und hat nie eine Entdeckungsreise geleitet. Er organisierte und finanzierte sie, von der Algarve aus. Zarco und Teixeira standen in seinen Diensten.

Um 1425 begann auf Anordnung der Krone die planmäßige Besiedlung, Heinrich erhielt die Inseln als Lehen. Die ersten Siedler kamen überwiegend aus der Algarve, aus Lagos, Tavira oder Silves. Verwaltet wurde das Archipel über drei sogenannte Kapitanate: Machico ging 1440 an Teixeira, Porto Santo 1446 an Perestrelo, Funchal 1450 an Zarco. Funchal verdankt seinen Namen übrigens dem wilden Fenchel (funcho), der dort wuchs. 1508 bekam es Stadtrecht.

Eine Fußnote mit Folgen: Perestrelos Tochter Filipa Moniz heiratete um 1479 einen genuesischen Seefahrer namens Christoph Kolumbus. Das Paar lebte eine Zeit lang auf Porto Santo, wo heute das Museum Casa Colombo an ihn erinnert. Wie es dort aussieht, beschreiben wir in unserem Beitrag über die Insel Porto Santo.

Weißes Gold: Zucker und Zwangsarbeit

Zuckerrohr-Ernte
Zuckerrohr-Ernte ohne Maschinen Bild: Siebrand / Sten CC BY-SA 3.0

Zuerst bauten die Siedler Weizen an, der Boden war fruchtbar und die Ernten gut. Um die Mitte des 15. Jahrhunderts kam Zuckerrohr dazu und verdrängte das Getreide schnell. Genuesische Bankiers gaben das Kapital, sizilianische Fachleute das Wissen. Um 1500 gehörte Madeira zu den größten Zuckerproduzenten Europas, verschifft wurde unter anderem nach Flandern, wo in Antwerpen raffiniert wurde.

Der Preis war hoch. Für ein Kilo Zucker mussten nach Berechnungen von Historikern rund 50 Kilo Holz verfeuert werden. Und die Arbeit auf den Feldern und in den Mühlen machten zum großen Teil Unfreie: zuerst Berber aus Marokko und Guanchen von den Kanaren, später versklavte Menschen aus Westafrika. Madeira war damit eines der ersten Experimente der europäischen Plantagenwirtschaft, ein Modell, das später in Brasilien und der Karibik in viel größerem Maßstab wiederholt wurde. Mehr dazu steht in unserem Artikel über Zucker auf Madeira.

Ab der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts kam der Zucker aus Brasilien billiger und in größeren Mengen. Dazu ein Schock: Im Oktober 1566 überfielen französische Korsaren unter Bertrand de Montluc mit rund 1.200 Mann Funchal und plünderten die Stadt über zwei Wochen lang. Montluc selbst überlebte den Angriff nicht. Der Zuckerboom war danach vorbei.

Wein, Engländer und eine Lücke im Gesetz

Was den Zucker ersetzte, kennt heute jeder Madeirabesucher: Wein. Dass er so erfolgreich wurde, hat viel mit England zu tun.

Von 1580 bis 1640 stand Portugal unter spanischer Krone, in einer Personalunion. Nach dem Aufstand von 1640 war Portugal wieder eigenständig, doch Spanien erkannte das erst 1668 im Vertrag von Lissabon an. Bis dahin brauchte Portugal Verbündete, und England ließ sich das bezahlen: mit Handelsvorteilen und 1662 mit der Heirat der portugiesischen Prinzessin Katharina von Braganza mit König Karl II.

Entscheidend für Madeira war aber ein englisches Gesetz. Der Staple Act von 1663 schrieb vor, dass europäische Waren für die englischen Kolonien in Amerika erst über englische Häfen laufen mussten. Wein von Madeira und den Azoren war ausdrücklich ausgenommen. Madeirawein konnte also direkt nach Boston, Charleston oder in die Karibik verschifft werden. Ein gesetzliches Monopol der Engländer auf den Weinhandel gab es nicht, auch wenn das manchmal behauptet wird. Faktisch beherrschten britische Kaufleute den Export aber über weite Strecken. Viele Häuser von damals kennt man noch: Francis Newton kam 1745 nach Madeira, John Blandy 1808.

In den nordamerikanischen Kolonien wurde Madeira zum Modegetränk. Die Fässer reisten wochenlang durch die Tropen, und man merkte, dass der Wein durch die Hitze besser wurde. Daraus entwickelte sich die bis heute typische warme Reifung.

Zweimal britisch besetzt

Während der Napoleonischen Kriege landeten britische Truppen gleich zweimal auf der Insel, offiziell zum Schutz vor Frankreich. Die erste Besetzung dauerte von Juli 1801 bis Januar 1802. Die zweite begann im Dezember 1807 unter General William Carr Beresford und endete erst im Oktober 1814. Portugiesische Chronisten sahen darin weniger Schutz als eine verdeckte Eroberung.

Im August 1815 ankerte dann das britische Schiff mit Napoleon an Bord vor Funchal, unterwegs ins Exil nach St. Helena. Der Überlieferung nach bekam der gestürzte Kaiser ein Fass Madeirawein mit auf den Weg. Nach dem Krieg brach der Weinexport ein, Missernten folgten. Zwischen 1835 und 1855 wanderten schätzungsweise 40.000 Menschen aus.

Kurgäste, Kaiser und ein Grab in Monte

Im 19. Jahrhundert entdeckte Europas Oberschicht Madeira als Winterquartier, vor allem für Lungenkranke. Kaiserin Elisabeth von Österreich verbrachte den Winter 1860/61 in Funchal.

Ein anderer Habsburger blieb für immer. Karl I., der letzte Kaiser von Österreich, wurde nach zwei gescheiterten Versuchen, in Ungarn wieder an die Macht zu kommen, im November 1921 von den Siegermächten nach Madeira verbannt. Die Familie wohnte zuerst im Reid’s Hotel, dann in der Quinta do Monte oberhalb von Funchal. Dort starb Karl am 1. April 1922 mit 34 Jahren an einer Lungenentzündung. Sein Grab liegt in der Kirche Nossa Senhora do Monte, 2004 wurde er seliggesprochen. Wer mit der Seilbahn nach Monte fährt, kommt fast zwangsläufig daran vorbei.

Diktatur, Nelkenrevolution und 50 Jahre Autonomie

Demonstration In Porto 1983
Demonstration in Porto 1983 Bild: Henrique Matos CC BY 2.5

1926 putschte in Lissabon das Militär. Aus der Militärdiktatur ging der Estado Novo hervor, ein autoritärer Staat unter António de Oliveira Salazar, der 1932 Regierungschef wurde und 1933 eine neue Verfassung durchsetzte. Opposition wurde von der Geheimpolizei verfolgt, Zensur gehörte zum Alltag. Auf Madeira kam es 1931 zu Unruhen, erst wegen eines Mehlmonopols, dann zu einem Militäraufstand. Beides wurde niedergeschlagen.

Am 25. April 1974 stürzte die Nelkenrevolution das Regime. Die neue Verfassung vom 2. April 1976 machte Madeira und die Azoren zu autonomen Regionen mit eigenem Parlament und eigener Regierung. Am 27. Juni 1976 wählten die Madeirenser zum ersten Mal ihr Regionalparlament mit damals 41 Abgeordneten. Der 2. April ist heute als Dia da Autonomia ein Feiertag. Eine echte politische Autonomie hatte es vorher nicht gegeben, nur eine begrenzte Selbstverwaltung seit Ende des 19. Jahrhunderts.

Die Regionalpolitik prägte danach vor allem ein Mann: Alberto João Jardim regierte Madeira von 1978 bis 2015. Seit dem 1. Januar 1986 gehört Portugal zur Europäischen Gemeinschaft, der späteren EU. Madeira hat dort den Status einer Region in äußerster Randlage und bekam in den Jahrzehnten danach viel Geld für Straßen, Tunnel und den Ausbau des Flughafens.

Zeittafel: Madeiras Geschichte in Jahreszahlen

Jahr Ereignis
1418 Zarco und Teixeira erreichen Porto Santo
1419/1420 Landung auf der Hauptinsel Madeira
um 1425 Beginn der planmäßigen Besiedlung
1440 bis 1450 Aufteilung in die Kapitanate Machico, Porto Santo und Funchal
um 1500 Höhepunkt der Zuckerproduktion
1508 Funchal erhält Stadtrecht
1566 Französische Korsaren plündern Funchal
1580 bis 1640 Portugal unter spanischer Krone
1663 Englischer Staple Act begünstigt den Madeirawein
1801/02 und 1807 bis 1814 Britische Besetzung
1815 Napoleon passiert Funchal auf dem Weg nach St. Helena
1922 Kaiser Karl I. stirbt im Exil in Monte
1933 Verfassung des Estado Novo unter Salazar
1974 Nelkenrevolution
1976 Autonomie, erste Regionalwahl am 27. Juni
1986 Portugal tritt der Europäischen Gemeinschaft bei

Eine ausführlichere Übersicht gibt es in unserer Madeira Chronik.

Wo man die Geschichte heute noch sieht

In Funchal steht die Statue von João Gonçalves Zarco an der Avenida Arriaga, mitten im Verkehr. Wenige Gehminuten entfernt zeigt das kleine Museum A Cidade do Açúcar, was vom Zuckerboom übrig ist. In Machico, wo die ersten Siedler an Land gingen, erinnert eine Statue an Tristão Vaz Teixeira. Oben in Monte liegt das Grab von Kaiser Karl, und auf Porto Santo lohnt die Casa Colombo in Vila Baleira einen Abstecher, auch wenn nicht sicher ist, ob Kolumbus wirklich in genau diesem Haus gewohnt hat.

Ein Rest des Urwaldes, den die ersten Siedler vorfanden, hat übrigens überlebt, vor allem an der feuchten Nordseite. Heute ist der Lorbeerwald Laurisilva UNESCO-Weltnaturerbe.

Häufige Fragen zur Geschichte Madeiras

Wer hat Madeira entdeckt?
Die portugiesischen Kapitäne João Gonçalves Zarco und Tristão Vaz Teixeira erreichten 1418 Porto Santo und 1419 oder 1420 die Hauptinsel. Bartolomeu Perestrelo war bei der zweiten Fahrt dabei. Auftraggeber war Heinrich der Seefahrer.

War Madeira vor den Portugiesen bewohnt?
Nein. Es gibt keine Hinweise auf eine frühere Besiedlung. Die Inseln waren aber vermutlich schon im 14. Jahrhundert bekannt und auf Seekarten verzeichnet.

Warum heißt Madeira Madeira?
Madeira bedeutet auf Portugiesisch Holz. Die Insel war bei der Ankunft der Portugiesen fast vollständig bewaldet.

Seit wann ist Madeira autonom?
Seit 1976. Die portugiesische Verfassung vom 2. April 1976 machte Madeira zur autonomen Region, die erste Regionalwahl fand am 27. Juni 1976 statt.

War Madeira einmal britisch?
Madeira gehörte immer zu Portugal. Britische Truppen hielten die Insel aber zweimal besetzt, 1801/02 und von 1807 bis 1814.

Wie hilfreich war dieser Beitrag?

Klicke auf die Sterne um zu bewerten!

Durchschnittliche Bewertung 4.8 / 5. Anzahl Bewertungen: 77

Bisher keine Bewertungen! Sei der Erste, der diesen Beitrag bewertet.

Es tut uns leid, dass der Beitrag für dich nicht hilfreich war!

Lasse uns diesen Beitrag verbessern!

Wie können wir diesen Beitrag verbessern?